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Kommentar zum 11.Berbertreffen 2007 im St.Ursula Heim in Offenburg 
http://www.augustin.or.at/zeitung/tun-und-lassen/noerdlich-der-penntuetengrenze.html
 

Die Wirklichkeit (von Jan)
Den Obdachlosen, den typischen Obdachlosen gibt es nicht. Jeder Mensch geht mit dem Verlust seiner Wohnung anders um. Ein Mensch, der seine Wohnung verloren hat, muss sein Überleben ohne Wohnung organisieren. In dem Moment, da er sich in sein neues Leben eingerichtet hat, besteht wenig Anlass, das „offizielle Hilfesystem“ in Anspruch zu nehmen. Der bürokratische Aufwand überfordert die Menschen regelmäßig. Nach einiger Zeit richtet sich jeder Mensch, der auf der Straße lebt, sein Leben auf der Straße ein.

Ein Mensch, der an starken Phobien leidet, vor allem an starken sozialen Phobien, ist auch für gut gemeinte Hilfen schwer erreichbar. Phobien haben nichts mit Freiwilligkeit zu tun!

Menschen, die auf der Straße leben, müssen sich an die Verhältnisse anpassen. In einem Abrisshaus kann nicht gewohnt werden, wenn Baumaßnahmen beginnen. Auch in Freien verändern sich die Bedingungen immer wieder. Ein als sicher scheinenden Schlafplatz erweist sich plötzlich als unsicher, kommunale Behörden dulden den Aufenthalt nicht mehr, Privatpersonen spielen Sherif. Die Gründe sind vielfältig. Ein älterer alkoholkranker deutscher Staatsbürger hatte mich um Hilfe gebeten, weil er sich in der Notübernachtung, die er in der Kältehilfesaison für die Nacht nutze, nicht mehr gut aufgehoben fühlte. Gegen junge starke Kerle haben er und andere ältere Alkoholiker keine Chance.

Fazit
Die Obrigkeit hat immer wieder versucht, mit spitzfindigen „Begründungen“ verbriefte Rechte bedürftiger Untertanen streitig zu machen. Das Märchen von der freiwilligen Obdachlosigkeit gehört in die Reihe. Das sollten wir uns nicht gefallen lassen!

Jeder Mensch ohne festen Wohnsitz, der zur Sozialbehörde geht und dort um Unterbringung nachsucht, hat das Recht auf Unterbringung. Wohnen ist ein Menschenrecht und darf nicht mit dem Hinweis auf Freiwilligkeit verwehrt werden!

Das muss noch lange nicht heißen, alle Obdachlosen systematisch einzusammeln und in Unterkünfte zu stecken. Der freie Wille eines jeden Menschen, egal ob mit Wohnung oder ohne, ist zu respektieren. Freiheit ist die Freiheit aller Bürger. Bei Menschen ohne festen Wohnsitz heißt das noch lange nicht, dass sie freiwillig obdachlos geworden sind.
J M

Wohnungsmarkt und Obdachlosigkeit
Die Mieten steigen und steigen, gleichzeitig sind immer mehr Menschen zu sehen, die auf der Straße schlafen müssen. Wenn die Politiker und Mitarbeiter in den Verwaltungen die im § 2 des Grundgesetzes geforderte Wahrung der Menschenwürde ernst nehmen würden, müsste kein Mensch in Deutschland auf Straßen und Plätzen, in Parks, unter Bücken, in Ruinen, in Zügen und Bussen oder bei Kumpel schlafen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hat durch bundesweite Schätzungen der Zahl wohnungsloser Menschen einen Zusammenhang zwischen der Zahl wohnungsloser Menschen und dem Wohnungsmarkt festgestellt. Sie warnt seit Jahren angesichts bundesweit angespannten Wohnungsmärkten in Großstädten und Ballungsräumen vor drastisch steigender Wohnungslosigkeit. Die düsteren Prognosen sind eingetroffen, zum Teil übertroffen worden.

Menschen können ihre Miete nicht mehr bezahlen und verlieren ihre Wohnung. Das trifft längst nicht mehr die Armen und Suchtkranken, es trifft auch den Mittelstand. Wenn Menschen mit sicheren Jobs Schwierigkeiten haben, eine Wohnung zu finden und wohnungslos werden.

Die Zustände verstopfen das Hilfesystem. Immer mehr Hilfesuchende werden in den Ämtern abgewiesen, weil keine Plätze frei sind. Die Wohnungslosen, die einen Platz haben, müssen bleiben.

Es wird Zeit, dass wir wieder einen entspannten Wohnungsmarkt haben. Die bisherigen Ansätze haben nichts gebracht. Es ist an der Zeit, dass die Stadt Berlin Geld in die Hand nimmt und für Wohnungsbau in Größenordnungen vergangener Zeiten sorgt. Wie wär es mit einem kommunalen Wohnungsbau?

Das hilft den Wohnungslosen.